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Attackenreiter
unerwünscht!
Endlich bekam das Ehepaar seinen heiß ersehnten Hund. Es
war ein kleiner, knuffiger, schwarzer Rüde, voller Temperament und
Lebensfreude. Dass vor allem Rüden ein besonderes Händchen brauchen,
und auf was es ankommt, wurde ihnen vom Züchter gesagt, und mit einem
Erziehungsheftchen bewaffnet gingen sie heim. Natürlich waren sie
überzeugt, dass aus diesem Hund einmal ein ganz lieber, wohlerzogener
Hund wird, den man immer und überall mit
hinnehmen kann. Sie hatten keine Kinder, und der Hund war nun ihr Lebensinhalt.
Es sollte ihr Hund sein!
In den ersten Monaten lief alles hervorragend. Sie kam auf jeden Arbeitstag
und Spaziergang, den der Züchter anbot. Außerdem belegte sie
noch einen Welpen-Erziehungskurs in ihrer Nähe. Er lernte schnell
und gut und mit viel Freude. Er durfte immer und überall dabei sein
und die Leute, die in ihre Firma kamen, wurden auch immer freundlich begrüßt.
War Frauchen in irgend etwas unsicher, rief sie ihre Züchterin an.
Alles klappte wunderbar. Friede, Freude, Eierkuchen!
Aber dann kam die Zeit der Pubertät, und auf einmal fing der Hund
an, bestimmte Leute anzuknurren. Das waren aber nicht etwa Fremde, sondern
Freunde mit einer kleinen Tochter und einem Welpen, die oft kamen und
auch keine Angst vor ihm hatten. Mehr oder weniger von einem Tag auf den
anderen wurde diese Familie knurrend und mit gestellter Rute begrüßt.
Selbst das Kind wurde angeknurrt, als es den Hund (wie immer) streicheln
wollte. Der Welpe bekam gleich erst einmal die Leviten gelesen.
Keiner verstand diese Reaktion und die Besitzerin tat, wie ihr vom Züchter
empfohlen, und wies den Hund zurecht und schickte ihn auf seinen Platz.
Die ersten Male klappte das noch ganz gut, denn der Hund akzeptierte und
nach einiger Zeit hatte er sich beruhigt und spielte dann mit Kind und
Welpe.
Aber dieser Empfang steigerte sich immer mehr. Am Schluß wurde sogar
Frauchen angeknurrt und bekam seine Zähne zu sehen. Erschrocken und
entsetzt ließ sie aus. Natürlich empfahl die Züchterin,
ja nicht nachzugeben, denn die erste Runde hätte sie schon verloren
und sie könnte sich gleich auf noch mehr Gegenwehr ihres Hundes einstellen.
Als sie ihn also mal wieder zurecht wies und auf seinen Platz
brachte (weil er in der Zwischenzeit schon nicht mehr bereit war, auf
Kommando dort hinzugehen), wurde er richtig massiv und sie hatte einen
regelrechten Kampf, bis er endlich nachgab.
Die Arbeitstage wurden auch zu einer Plage, denn er entwickelte sich
zu einem fürchterlichen Raufer, der im Eifer des Gefechtes oft nicht
gleich den Unterschied zwischen Rüden, Hündinnen und Welpen
erkannte. Ohne jede Vorwarnung stürzte er sich immer wieder auf irgendeinen
Hund. Erst wenn er registrierte, dass es eine Hündin oder ein Welpe
war, ließ er aus. Hatte er einen Rüden erwischt, gings richtig
zur Sache und die Ausbilder mußten mehrere Male eingreifen.
Ließ sie ihn nicht von der Leine, steigerten sich seine Aggressionen
natürlich, denn er hing voll in den Seilen und sie zog, so gut sie
konnte, dagegen. Sie brachte ihn nicht in die Unterordnung, d.h. er akzeptierte
die Leine nicht und blieb auch nicht ruhig bei Fuß. Er akzeptierte
ihr Kommando nicht.
Immer wieder rief sie ihre Züchterin an und berichtete von
neuen Zwischenfällen und Problemen und sie diskutierten stundenlang,
um auf die Lösung zu kommen, warum das so war. Die Züchter legten
ihr immer wieder nahe, richtig durchzugreifen. Sie sah das auch ein und
wollte es auch tun, aber irgendwie funktionierte das einfach nicht. Die
Züchter gingen sie dann besuchen. Aber da benahm sich der Hund, zur
großen Überraschung von allen, tadellos. Sogar deren Hunde
konnten ohne Probleme ins Haus. War der Rüde immer mal wieder für
ein paar Tage zur Pflege bei den Züchtern, gab es auch keine Zwischenfälle.
Er war zu jedem lieb, jeder Besucher konnte ungehindert ins Haus und mit
allen Hunden wurde gespielt. Auf Spaziergängen hörte er gut
und er büchste nicht einmal aus, wenn irgendwo ein Rüde kam.
Natürlich mußte man ihn gut in die Unterordnung nehmen. Aber
wußte er erst einmal, wen er vor sich hatte, war er einfach zu führen.
Er war also keiner von der Gattung aggressiv
und unberechenbar, was den Züchter beruhigte, denn dann war
noch nicht aller Tage Abend.
So nach und nach kristallisierte sich heraus, dass das Problem
bei den Besitzern zu suchen sein mußte.
Der Hund hatte sich den Ehemann als Boß ausgesucht. Der wollte aber
nicht, denn es war ja ihr Hund und hielt sich bei allem raus. Sie ließ
ihn aber auch nicht, wenn er mal einen Versuch unternahm, denn es ärgerte
sie, wenn der Hund auf ihn sofort hörte, während sie sich abkämpfen
mußte. Sie war der Meinung, dass der Hund auf sie genau so gut hören
müßte.
Nun ist aber nicht die logische Schlußfolgerung, dass sie automatisch
zum Boß wurde, nur weil er es nicht sein wollte (oder durfte)! Der
Hund übernahm die Position des Bosses, denn sie war schon immer für
ihn der Kumpel. Von einem Kumpel läßt man sich aber nicht derart
in den Senkel stellen. War der Boß auch anwesend, ließ er
sich gar nichts sagen, denn für den Hund war das Nichtstun des Bosses
eine Bestätigung, dass sein Verhalten richtig war (z.B. das Anknurren
von Besuch).
Sie hatte auch die Einstellung, dass man einen Hund nur mit Liebe
erziehen kann und war schon kurz davor zu akzeptierten, das sein Verhalten
eben so ist. Sie war, wie man das so schön sagt, ein
Softie und konnte den Problemen, die sich ständig steigerten, nicht
mit den richtigen Aktionen entgegen stehen. Sie mußte aber bald
einsehen, dass das nicht funktioniert. Aber sie konnte es einfach nicht.
Eigentlich war allen klar, wo das endet, wenn nicht beide endlich
Position beziehen. Bei den Besitzern war er nämlich einer der Gattung
aggressiv und unberechenbar und das Ganze hätte sich
so weit gesteigert, dass sie den Hund wegen Besuch hätten wegsperren
müssen, Arbeitstage keinen Sinn mehr hätten, weil man doch mehr
Zeit beim Tierarzt als auf dem Platz zubringen würde und nur noch
einsame Spazierwege ausgesucht werden könnten. Natürlich waren
sich alle einig, dass man das nicht wollte.
So nach und nach wurden neue Verhaltensregeln aufgestellt. Der
Boß (Mann) übernahm seine Position, was der Hund dankbar annahm
und sehr gut auf ihn hörte. Es wurde niemand mehr angeknurrt oder
Hunde angegriffen.
Sie lernte dann doch noch, dass es nicht nur mit Liebe geht. War sie
mit dem Hund alleine, griff sie richtig durch und auch ihre Stimme bekam
den richtigen Ausdruck. Sein ungünstiger Platz (erhöht auf einem
Treppenabsatz) wurde nach unten verlegt. So blickt er nicht mehr von oben
herab.
Alle Probleme lösten sich in Luft auf. Seit dem "Groschenfall"
sind nun einige Monate vergangen. Seitdem der Hund seinen Boß hat
und nun weiß, wo seine Grenzen sind, gibt es keine Aussetzer
mehr. Und was er bei seinem Boß gut gelernt hat, funktioniert nun
auch bei ihr. Heute kann sie mit ihrem Hund überall problemlos hingehen.
Sie kommt an Rüden vorbei, ohne ihn anleinen zu müssen. Natürlich
muss sie ihn in die Unterordnung nehmen, aber er hört! Sie setzt
ihn sogar vor einem Geschäft ab (ohne Leine) und er wartet geduldig,
bis sie wieder kommt und ohne sich vom Platz zu rühren.
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Das Arbeiten auf dem Platz macht nun noch viel mehr Spaß.
Natürlich sind andere Rüden nicht uninteressant geworden.
Aber es reicht, wenn sie ihn abruft und einfach schaut, dass sie
eine größere Distanz zu den anderen Rüden behält.
Die anderen Rüdenbesitzer achten auch darauf, und so gibt
es endlich wieder Arbeitstage, wo man sagen kann Heute hat
es nicht geknallt!, und das ist toll, wenn im Schnitt mindestens
10 ausgewachsene Rüden frei auf dem Platz umher laufen.
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Allen Teilnehmern ist sicher auch wohler, denn jetzt braucht keiner mehr
die Luft anzuhalten, wenn dieser Rüde kommt.
Erziehung bedeutet auch, dass jeder in seinem Familienrudel seine Rolle
wahrnimmt und ausübt.
Bei aller nötigen Konsequenz darf man die Liebe nicht vergessen!
Aber was oft noch viel wichtiger ist: Vor lauter Liebe darf man die Konsequenz
nicht vergessen (auch nicht die Konsequenz daraus, was sich entwickelt,
wenn sich die Menschen falsch verhalten)!
Lesen Sie auch: Ein Morgen wie jeder andere
(C) Bärbel Widmann, alle Rechte vorbehalten
Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit Genehmigung des Autors!
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